Bildbearbeitungssoftware: Affinity wird kostenlos und erhält eine neue Astrofotografie-Funktion (+ Tutorial)
07 Nov. 2025
Affinity Photo war schon lange eine wertvolle Ergänzung zu spezialisierten Astrofotografie-Tools wie PixInsight, Siril oder AstroPixelProcessor. Es bietet native FITS-Unterstützung, Kompatibilität mit wichtigen Astrofotografie-Plugins wie StarXTerminator und BlurXTerminator sowie einen schnellen, nicht-destruktiven Workflow in Echtzeit, mit dem sich jeder Verarbeitungsschritt präzise feinabstimmen lässt. Durch seine elegante, moderne Benutzeroberfläche ist es ein hervorragender Begleiter für Smart-Teleskope wie Vespera, bei denen Benutzerfreundlichkeit entscheidend ist.
Die neue Version, die nun einfach Affinity heißt, ist für Windows und macOS verfügbar — und sie ist komplett kostenlos. Zu den Verbesserungen gehört ein integriertes Werkzeug zur Tonwertdehnung, das speziell dafür entwickelt wurde, schwache Deep-Sky-Details sichtbar zu machen.
Einführung in die Tonwertdehnung: Verborgene Details in deinen Daten sichtbar machen
In der Astrofotografie ist das Stretching einer der grundlegendsten und wichtigsten Schritte der Nachbearbeitung. Um zu verstehen, warum das so ist, sehen wir uns zunächst an, was passiert, wenn du ein RAW-Bild aufnimmst und öffnest.
RAW-Daten: die Grundlage der Astrofotografie
Die Nachbearbeitung sollte immer an RAW-Dateien erfolgen – nicht an JPEGs oder anderen komprimierten Formaten. RAW bewahrt den gesamten Dynamikbereich, der vom Sensor deines Teleskops aufgezeichnet wurde – vom schwachen Schimmer eines Nebels bis zu den hellsten Sternen. JPEGs sind bereits tonemapped, komprimiert und können beschnittene (Clipping-) Bereiche enthalten; verlorene Informationen in den Schatten lassen sich nicht wiederherstellen. RAW erhält alle feinen Signale, die du für die Deep-Sky-Bildbearbeitung benötigst.
Warum dein Vespera-RAW-TIFF schwarz aussieht
Wenn du ein RAW-TIFF von deinem Vespera (oder einem anderen Smart-Teleskop) in einem Bildeditor öffnest, bist du vielleicht überrascht, fast nichts zu sehen. Das Bild erscheint oft komplett schwarz oder extrem dunkel – obwohl deine Aufnahmesitzung erfolgreich war.
Das liegt daran, dass sich die Datei noch in einem linearen Zustand befindet: Die Helligkeitswerte der Pixel entsprechen direkt der vom Sensor aufgezeichneten Lichtmenge, ohne Anpassung an die menschliche Wahrnehmung.
Das schwache Leuchten eines Nebels liegt nur wenige Werte über dem Hintergrundrauschen, während Sterne tausendfach heller sind – aber all diese Signale sind im dunkelsten Bereich des Histogramms komprimiert.

Dasselbe Bild vor (RAW) und nach dem Stretching
Lineare Daten und das Histogramm
Das Histogramm zeigt die Verteilung der Helligkeitswerte (Intensität) in deinem Bild – von Schwarz auf der linken Seite bis Weiß auf der rechten.
In einem linearen Astrofotografie-Bild befindet sich fast das gesamte Signal – Galaxien, Nebel, feiner Staub – eng zusammengepresst am linken Rand. Der rechte Bereich (helle Töne) bleibt weitgehend leer, da der Sensor einen enormen Dynamikbereich erfasst, der noch nicht für die visuelle Darstellung angepasst wurde.
Stretching: das Signal formen
Stretching ordnet das Histogramm neu an. Es verteilt die Pixelwerte so, dass die dunklen und mittleren Töne betont werden – dort, wo sich schwache Deep-Sky-Strukturen befinden –, während die hellen Töne gedämpft werden, um Überbelichtungen in Sternen oder Galaxienkernen zu vermeiden. Man kann es sich vorstellen, als würde man komprimierte Daten vorsichtig entrollen, damit verborgene Details sichtbar werden.
- Dunkle und mittlere Töne erweitern, um schwache Nebelstrukturen und galaktische Details sichtbar zu machen.
- Lichter komprimieren, um Sternfarben zu bewahren und helle Kerne zu schützen.

Signalverteilung (Histogramm) eines ungestretchten (links) und gestretchten (rechts) Bildes
Von linear zu nichtlinear
Nach dem Stretching wird das Bild nichtlinear: Die Tonwertzuordnung entspricht nicht mehr direkt der Rohantwort des Sensors, sondern ist für die Betrachtung optimiert. Ab diesem Punkt kannst du mit Farbbalance, Rauschreduzierung, Schärfung und anderen Feinabstimmungen fortfahren.
Stretching ist wohl der wichtigste Schritt in der Nachbearbeitung der Astrofotografie. Es verwandelt unsichtbare Rohdaten in ein sichtbares Fenster zum Universum – und alles, was danach folgt, hängt von der Qualität dieses Schritts ab.
Vorteile, wenn du das Stretching und weitere Anpassungen in Affinity durchführst
Affinity arbeitet ebenenbasiert und vollständig nicht-destruktiv, was mehrere Vorteile bietet:
- Jederzeit bearbeitbar: Jede Anpassung – einschließlich der Tonwertdehnung – kann später geändert oder rückgängig gemacht werden, selbst nachdem du Kurven, Ebenen, Farben, Sättigung oder Masken hinzugefügt hast.
- Echtzeit-Anpassungen: Alle Änderungen werden sofort auf der Leinwand angezeigt; du kannst frei hineinzoomen, um feine Details zu beurteilen, während du Regler bewegst.
- Schnelles Iterieren: Affinity ist schnell und ermutigt zu mehreren Durchgängen und Feinanpassungen, bis du das gewünschte Ergebnis erreichst.
Schnell-Tutorial: Ein Vespera-Bild in Affinity stretchen
Beispielobjekt: die Verborgene Galaxie (Caldwell 5) im Giraffensternbild (Camelopardalis) – eine der wenigen Galaxien, die innerhalb des Bandes der Milchstraße sichtbar sind. Aufgenommen mit Vespera II X_edition.
Über Dateiformate
Affinitys Tonwertdehnung arbeitet nativ mit FITS- und Kamera-RAW-Dateien. Du kannst sie auch mit Vespera-RAW-TIFFs verwenden, indem du eine einfache Zwischenlösung nutzt, oder exportiere eine FITS-Datei aus Siril/PixInsight nach deinen ersten Schritten (Gradientenkorrektur, Farbbalance usw.).
Schritt 1 — Wechsle in den Retuschier-Arbeitsbereich
Das neue Affinity vereint Pixel-, Vektor- und Publishing-Werkzeuge in verschiedenen Arbeitsbereichen, die jeweils für eine bestimmte Aufgabe optimiert sind.
Der Retuschier-Arbeitsbereich eignet sich besonders gut für die Astrofotografie-Bearbeitung.
- Verwende den Arbeitsbereich-Selektor oben links. Wenn „Retouching“ ausgeblendet ist, öffne das Dreipunkt-Menü, aktiviere Retouching und wähle es aus.
Aktivieren und Auswählen des Retouching-Studios
Schritt 2 — Öffne dein Bild
- Gehe zu Datei → Öffnen und wähle deine RAW/FITS/TIFF-Datei, oder ziehe sie per Drag-and-Drop in Affinity.
Schritt 3 — Wende die Tonwertdehnung an
Wenn du eine FITS-Datei öffnest, fügt Affinity automatisch eine Tonwertdehnungs-Einstellungsebene hinzu.
Wenn du eine TIFF-Datei öffnest, musst du sie manuell hinzufügen:
- Öffne im linken Bedienfeld die Liste der Einstellungsebenen.
- Scrolle nach unten, bis du Tone Stretching findest.
- Klicke auf das Symbol, um die Preset-Liste anzuzeigen.
- Wähle Standard, um die Anpassung auf dein Bild anzuwenden.

Affinity-Benutzeroberfläche
Schritt 4 — Passe die Stretching-Parameter an
Im Ebenen-Panel (rechts) solltest du nun zwei Ebenen sehen: dein RAW-Bild (Hintergrund) und die Tonwertdehnungs-Ebene.
- Klicke auf das Tonwertdehnungs-Symbol, um die Einstellungen zu öffnen.
Wähle die Stretching-Methode
Affinity bietet mehrere Dehnungsalgorithmen, die jeweils leicht unterschiedliche Ergebnisse liefern. Da die Bearbeitung in Echtzeit erfolgt, kannst du problemlos mit allen experimentieren.
Laut der Dokumentation:
- Basic – Standard-Dehnung, hellt das gesamte Bild gleichmäßig auf.
- Arcsinh – Sanfte logarithmische Dehnung, die die relative Farbintensität bewahrt.
- Logarithmic – Ähnlich wie Arcsinh, jedoch mit etwas stärkerer Kompression der Lichter.
- Structural – Aggressivere Dehnung mit helleren Highlights.
- Color Preserving – Kräftige Dehnung, die Farbintensität beibehält.
Für dieses Beispiel wähle Arcsinh, da es eine ausgewogene Dehnung bietet, die schwache Details betont und gleichzeitig die Farben erhält.
Passe die Regler an
- Stretch Factor – Steuert die Stärke der Dehnung. Bewege ihn nach links, bis schwache Details sichtbar werden. (Im Beispiel auf 1 gesetzt.)
- Gamma – Regelt den Gesamtkontrast zwischen Galaxie und Hintergrund. Vermeide es, den Himmel zu stark abzudunkeln; wir verwendeten 0,8.
- Compression – Feinabstimmung des Gesamtkontrasts. Bei 0 % erhältst du maximalen Kontrast; bei 100 % werden Lichter gedämpft und Schwarztöne angehoben. Wir verwenden 0 %, um den Kontrast zu bewahren.
Wenn du fertig bist, kannst du weitere Anpassungen hinzufügen, z. B. Vibrance (zur Farbverstärkung) oder Weißabgleich (zur Korrektur eines Gelbstichs).
Du kannst das Stretching jederzeit erneut anpassen oder ändern.

Ergebnis eines grundlegenden Nachbearbeitungs-Workflows
Weiterführende Schritte
Nachdem die grundlegende Dehnung abgeschlossen ist, kannst du dein Bild weiter verfeinern.
Verwende Kurven und Ebenen, um zusätzlichen Kontrast zu erzeugen. Du kannst Plugins wie StarXTerminator und NoiseXTerminator direkt in Affinity verwenden.
So vermeidest du, dass Rauschen beim weiteren Verstärken des Bildes zu stark hervortritt, und kannst Sterne und Galaxien separat bearbeiten.
Du kannst auch zwischen Affinity und anderen spezialisierten Programmen wechseln, wann immer du möchtest.
Exportiere dein Bild als 16-Bit-TIFF, bearbeite es in PixInsight oder Siril und importiere es dann wieder in Affinity, indem du es einfach per Drag-and-Drop hineinziehst — es erscheint als neue Ebene in deinem Ebenenstapel.

Ergebnis eines erweiterten Nachbearbeitungs-Workflows